Deutsche Abgeordnete afrikanischer Abstammung bringen neue Perspektiven in die Politik | Afrika | DW

Armand Zorn war überraschend entspannt, als er seine erste Rede im Bundestag hielt. Das Thema Steuerpolitik ist sein Fachgebiet.

„Ich war ein bisschen aufgeregt, muss ich zugeben“, sagte der 33-jährige Unternehmensberater, der im vergangenen September ins Parlament gewählt wurde. „Aber ich mag es. Wenn man nervös ist, merkt man, wie groß das Problem ist“, sagte er am nächsten Tag in seinem Bundestagsbüro der DW.

Wenn er nervös war, bemerkte es niemand. Er klang souverän, sachkundig und sachlich und schaffte sogar ein paar Seitenhiebe auf die rechtspopulistische AfD.

Armand Zorn hat eine ungewöhnliche Biographie. Der gebürtige Kameruner zog mit 12 Jahren zu seiner Mutter und seiner neuen Freundin nach Halle, der größten Stadt im deutschen Bundesland Sachsen-Anhalt. Von dort reiste er nach Paris, Konstanz, Bologna, Hongkong und Oxford.

Armand Zorn: Kampf für soziale Gerechtigkeit

Zorn lebt seit 2015 in Frankfurt und ist seit 2009 politisch aktiv. 2011 trat er der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD) bei. Bundeskanzler Olaf Scholz ist ebenfalls Mitglied der SPD, der Partei, die bei der letzten Wahl die meisten Sitze gewonnen hat Jahr.

Zorn, der als Direktkandidat in den Bundestag gezogen war, sagte, er habe schon immer für mehr soziale Gerechtigkeit kämpfen wollen.

„Ich habe viele Erfahrungen gemacht, bei denen ich junge Menschen getroffen habe, die sehr fleißig und kompetent waren, aber nie den Erfolg hatten, den sie verdienten“, sagte er.

Zorn ist Mitglied im mächtigen Finanzausschuss des Bundestages und im Digitalausschuss. Darin sieht er seine Stärken und Fähigkeiten.

Auch Afrika bleibt er verbunden. „Im Finanzbereich zum Beispiel hängen viele Fragen mit der globalen Finanzstabilität zusammen“, sagte Zorn und wies auf die Schuldenquoten afrikanischer Länder hin. „Es geht darum, Mittel bereitzustellen, um auch die Perspektiven einiger afrikanischer Länder zu verbessern und Entwicklung zu ermöglichen“, fügte er hinzu.

Armand Zorn (R) hier mit Bundeskanzler Scholz (L) will für soziale Gerechtigkeit kämpfen

Awet Tesfaiesus: Verteidigung von Asylsuchenden

Auch Awet Tesfaiesus ist seit der letzten Wahl Bundestagsabgeordneter. Daran muss sie sich noch gewöhnen. „Das ist eine ganz andere Welt. Die Leute suchen das Gespräch und sind offen“, sagt Tesfaiesus der DW im Skype-Interview.

„Sie können Leute zu Gesprächen einladen. Sie stehen in der Hierarchie ganz oben“, sagte sie und bemerkte, wie anders es sei, als eine schwarze Frau „in der Apotheke angestarrt zu werden, um zu sehen, ob sie etwas stiehlt“.

Dennoch sagte sie, sie erlebe Rassismus immer noch täglich. „Beim Einkaufen bekomme ich immer die üblichen Blicke vom Sicherheitspersonal.“

Rassismus hat sein Leben lange überschattet. Tesfaiesus wurde 1974 in Asmara, der Hauptstadt Eritreas, geboren. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich Eritrea nicht von Äthiopien abgespalten. Sie und ihre Familie flohen vor dem eritreischen Unabhängigkeitskrieg nach Deutschland, als Tesfaiesus 10 Jahre alt war.

Ihr neues Zuhause war eine Flüchtlingsunterkunft, in der viele Familien aus Eritrea lebten.

„Für meine Eltern war es hart“, erinnert sich Tesfaiesus. „Wir lebten auf engstem Raum mit vielen eritreischen Kindern. Wir waren zu sechst in einem Zimmer mit der ganzen Familie. Aber als Kind ignoriert man das. Man freut sich, dass so viele tolle Menschen da sind.“

Diese Erfahrung veranlasste sie, Jura zu studieren und später eine auf Asylrecht spezialisierte Anwaltskanzlei zu eröffnen.

Sie möchte anderen Menschen helfen, die ebenfalls als Flüchtlinge nach Deutschland kommen, ist aber frustriert darüber, wie wenige Flüchtlinge in Deutschland einen Aufenthaltsstatus erhalten.

Die Dublin-Regeln der EU sind eindeutig: Flüchtlinge müssen im ersten EU-Land, in das sie einreisen, um Asyl nachsuchen. Bei seinen Kunden sind es meist Italien oder Spanien.

„In Italien leben viele Menschen auf der Straße, gelten als asylberechtigt, können aber weder Sozialleistungen beanspruchen noch Sprachkurse besuchen“, sagt Tesfaiesus.

„Es war frustrierend, auf dieses System zu stoßen, aber ich hatte das Gefühl, dass ich eine politische Änderung vornehmen musste.“

Tesfaiesus ist seit 2009 Mitglied der Grünen und war 5 Jahre Stadträtin in ihrer Heimatstadt Kassel.

Sie ist seit Oktober letzten Jahres Bundestagsabgeordnete und bereits Abgeordnete ihrer Partei im Kulturausschuss. Und auch hier hat sie sich ein ehrgeiziges Ziel gesetzt: Die geraubten Kulturschätze müssen an die Herkunftsländer zurückgegeben werden.

„Wenn ich durch deutsche Museen gehe und das Kunst- und Kulturerbe meiner Region sehe, tut es mir im Herzen weh. Diese Dinge werden ausgestellt, aber sie bedeuten den Menschen, die sie sehen, nichts“, sagte sie. „Obwohl sie den Menschen in ihrem Herkunftsland viel bedeuten. Sie wurden ihrer Identität beraubt.“

Karamba Diaby schüttelt Ex-Bundeskanzlerin Angela Merkel die Hand

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Karamba Diaby: Der altgediente Anti-Rassismus-Politiker

Neben den beiden Neuzugängen ist Karamba Diaby ein Bundestagsveteran.

Als er 2013 zum ersten Mal in den Bundestag einzog, berichtete sogar die New York Times über seine Leistung. Diaby war der erste Bundestagsabgeordnete afrikanischer Abstammung.

„Viele Leute dachten, ich sei ein Experte für Afrika oder alltäglichen Rassismus und wussten nicht, dass mein Fachgebiet Bildung und Forschung ist“, erinnert sich Diaby.

Heute wird er im Bundestag und von seinen Wählern anerkannt. 2021 wählten sie ihn erstmals direkt.

Diaby kam in den 1980er Jahren als Stipendiat aus seiner Heimat Senegal in die DDR. Er hat in Halle Chemie studiert und schließlich über Schwermetallbelastungen promoviert.

Er hat Halle längst zu seiner Heimat gemacht; die viele Rechtsextremisten nicht akzeptieren wollen. Rassistische Übergriffe auf soziale Netzwerke gehören zu seinem Alltag.

Für jemanden, der so viel Hass und Belästigung ertragen muss, ist Diaby bemerkenswert ruhig. Er mag es zu differenzieren, vermeidet voreilige Urteile und Hetze.

„Mich haben Morddrohungen etc. verletzt. Aber ich war auch immer unterstützend und unterstützend, wenn etwas Unqualifiziertes, Beleidigendes oder Erniedrigendes veröffentlicht wurde“, sagt er der DW.

„Ich habe Briefe von solidarischen Menschen und von Schulklassen erhalten, die Unterschriften gesammelt haben.“

Karamba Diaby begrüßt Unterstützer auf Fahrrädern

Für seine Anhänger ist Karamba Diaby wie der „Nachbar von nebenan“

Nach fast neun Jahren im Bundestag sitzt Diaby derzeit im Auswärtigen Ausschuss und im Entwicklungsausschuss. Der deutsche Bundestag ist heute ganz anders als 2013, er ist viel vielfältiger.

Dennoch kämpft Diaby weiterhin für mehr Vielfalt und Inklusion.

„Je vielfältiger das Parlament, desto differenzierter die Perspektiven“, sagte er.

Dieser Artikel wurde ursprünglich auf Deutsch veröffentlicht.

Ebert Maier

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