Transphobie in Deutschland: Die Gefahr von Anti-Queer-Angriffen | Deutschland | Ausführliche News und Berichterstattung aus Berlin und darüber hinaus | DW

Münster, Augsburg, Bremen: Drei deutsche Städte, drei brutale Übergriffe auf Homosexuelle in den letzten drei Monaten. Eine davon endete tragisch für Malte C.*, einen Transgender-Mann, der am Rande der Christopher Street Days in Münster eingriff, um eine Gruppe belästigter und beleidigter Lesben zu schützen. Der Angreifer traf ihn, Malte C. schlug auf dem Asphalt auf und erlitt eine schwere und traumatische Kopfverletzung. Er starb sechs Tage später im Koma an seinen Verletzungen.

Der Fall sorgte für große Bestürzung. Die Co-Vorsitzende der regierenden Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD), Saskia Esken, drückte auf Twitter ihr Mitgefühl aus: „Dieser Fall ist eine deutliche Erinnerung daran, dass Hassverbrechen gegen Schwule weitergehen. Jede Woche. Jeden Tag.“

Menschen nahmen an einer Mahnwache für einen jungen Transmann teil, der in Münster angegriffen wurde und starb

Tatsächlich werden statistisch gesehen jeden Tag zwei Angriffe gegen Homosexuelle gemeldet, obwohl das deutsche Bundesinnenministerium zugibt, dass die tatsächliche Zahl wahrscheinlich viel höher ist. Organisationen wie der Lesben- und Schwulenverband (LSVD) sowie die Polizei schätzen, dass bis zu 90 % der Fälle nicht gemeldet werden. Viele Angriffe fallen mit Paraden zum Christopher Street Day zusammen, dem Namen von LGBTQ-Pride-Veranstaltungen in mehreren deutschsprachigen Ländern.

Alfonso Pantisano von der Bundesgeschäftsstelle des LSVD ist nicht überrascht: „Sicht bedeutet immer auch Gefahr. Aus diesem Grund ist jede öffentliche Zusammenkunft von queeren Menschen leider auch immer ein Ort, an dem sie sich selbst in Gefahr begeben. Da müssen wir ehrlich sein“, sagte er der DW.

Es ist jedoch ein Fehler, das Problem auf CSD-Veranstaltungen zu beschränken. „Diese Angriffe passieren jeden Tag der Woche. Zu allen Stunden des Tages, von der belebtesten Straße bis zur kleinsten Gasse. Sie passieren in der U-Bahn, im Bus, auf dem Schulhof, in Geschäften, Clubs und Einkaufszentren. Leider – und.“ Ich weiß, das klingt drastisch – wir sind nie wirklich sicher.“

Unvollständige Daten

Erst seit 2020 erfasst das Bundeskriminalamt (BKA) neben der Kategorie „sexuelle Orientierung“ auch Anti-Queer-Straftaten im Bereich „Geschlecht/sexuelle Identität“. Die Zahl der gemeldeten Fälle stieg in beiden Kategorien signifikant um 66 % bzw. 50 %. Angriffe, bei denen Feindseligkeit gegenüber Transgender-Personen eine Rolle spielt, werden nicht gesondert erfasst.

Für Pantisano vom LSVD sind die vielen Kategorien nicht ganz nachvollziehbar, weil sie nicht zu mehr Transparenz geführt haben. „Am Ende des Tages ist es Gewalt. Und ob jemand angegriffen wird, weil er oder sie trans ist, oder weil zwei Männer Händchen haltend durch die Stadt gehen, es ist immer noch ein Verbrechen. Hass gegen queere Menschen.“

Drei Teilnehmer der Christopher Street Day-Parade in Berlin

Die Berliner Christopher Street Day Pride Parade ist ein riesiges Event

Problematisch ist auch, dass Berlin überdurchschnittlich viele Fallzahlen hat – die deutsche Hauptstadt verzeichnet solche Vorfälle seit Jahren vorbildlich –, aber es führt auch dazu, dass in anderen Bundesländern Anti-Queer-Kriminalität noch immer nicht als solche in Erscheinung tritt Statistiken.

„Wenn ich in München, Stuttgart oder Frankfurt zur Polizei gehe und sage, dass ich angegriffen wurde, weil ich schwul bin, wird das vielleicht nur als Körperverletzung registriert“, sagte Pantisano. „Der Kontext wird also nicht erfasst und integriert. Und so verschwindet dieser Angriff aus der Statistik. In Berlin ist das anders. Die Polizei dort ist in diesem Bereich sehr gut ausgebildet.“

Politisch motivierte Gewalt

Der Tod von Malte C. in Münster hat auch eine Debatte über die Täter von Anti-Queer-Verbrechen ausgelöst. Einige der aufsehenerregenden Anschläge wurden von jungen Männern, teils Muslimen oder mit Migrationshintergrund in Deutschland verübt. Der auf Islamismus spezialisierte Psychologe und Autor Ahmad Mansour beispielsweise sagte der deutschen Boulevardzeitung Bild in Bezug auf den mutmaßlichen tschetschenischen Täter aus Münster: „Der Hass auf Homosexuelle ist unter Tschetschenen, aber auch unter Männern aus Afghanistan oder Syrien weit verbreitet. Mit der Migration aus diesen Ländern wächst die Homophobie in Deutschland.“

Die Prüfung der spärlichen Datenlage des BKA zeigt, dass Transmenschen wie Malte C. zwar von fremden und religiösen Ideologien bedroht sind, vor allem aber vom rechtsextremen gesellschaftlichen Milieu. Sowohl Straftaten in der Kategorie „Geschlecht/sexuelle Identität“ als auch in der Kategorie „sexuelle Orientierung“ wurden zu einem großen Teil von rechtsextrem motivierten Tätern begangen. Die meisten Verbrechen konnten jedoch nicht zugeordnet werden, was darauf hindeutet, dass Anti-Queer-Angriffe ein Problem sind, das alle Gesellschaftsschichten betrifft.

Politiker reagieren

Der Tod von Malte C. in Münster hat die Politik erschüttert. Der Beauftragte der Bundesregierung für die Akzeptanz der sexuellen und geschlechtlichen Vielfalt, Sven Lehmann, hat kürzlich einen Entwurf eines Aktionsplans gegen Trans- und Homophobie an verschiedene Verbände verschickt. Einen solchen Plan hatten sie schon lange gefordert.

Es sei nicht weit genug gegangen, sagte Pantisano vom LSVD. Deutschland hinkt anderen Ländern hinterher, zum Beispiel mit einem Selbstbestimmungsgesetz für Transgender-Menschen oder schwule Männer, die Blut spenden, das in Deutschland immer noch nicht für alle erlaubt ist. Andere Länder wie Malta oder Argentinien haben bei solchen Themen größere Fortschritte gemacht.

Und noch ein Misserfolg: 2021 beschloss die Innenministerkonferenz der 16 Bundesländer, einen Arbeitskreis zur Bekämpfung homo- und transphober Gewalt einzusetzen.

„Er trifft sich zum ersten Mal im September“, sagte Pantisano. „So hat die Politik bei diesem Thema ein ganzes Jahr geschlafen. Wir leben in Deutschland in einem Land, das immer so tut, als würde es Vielfalt unterstützen. Aber meiner Meinung nach hat Deutschland ein Problem mit Vielfalt. Und das müssen wir anpacken.“

Deshalb quält Pantisano bis heute diese Frage: Hätten einige der Angriffe wie der von Malte C. vermieden werden können, wenn mehr Maßnahmen ergriffen worden wären?

*Anmerkung der Redaktion: Die DW hält sich an den Deutschen Pressekodex, der die Bedeutung des Schutzes der Privatsphäre mutmaßlicher Täter oder Opfer betont und uns eindringlich dazu auffordert, in solchen Fällen auf die Offenlegung vollständiger Namen zu verzichten.

Dieser Artikel wurde ursprünglich auf Deutsch verfasst.

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Ebert Maier

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